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Der Schuhputzer

Der Schuhputzer von Santa Catalina

Es gibt Institutionen, bei denen man den wirklichen Wert erst erkennt, wenn es sie nicht mehr gibt. Eine Binsenweisheit, werden Sie sich sagen. Aber es ist so. Eine dieser Institutionen ist der Schuhputzer vom Parque Santa Catalina in Las Palmas, der Hauptstadt von Gran Canaria. Viele der Urlauber, die in den Dünen von Maspalomas, oder in den Hotelburgen von Playa del Inglés Erholung suchen, zieht es nicht in die Großstadt mit ungefähr 450 Tausend Einwohner. Sie gehört zwar zu Spanien, somit zu Europa, wirkt auf mich aber gar nicht so sehr europäisch. Schon gar nicht afrikanisch, obwohl die afrikanische Küste nur 200 km entfernt ist. Nein, man fühlt sich an Havanna oder Caracas erinnert, wenn man durch die Altstadt schlendert, sich den Freihandelshafen betrachtet, die Einheimischen bei ihrem Tun beobachtet.

Ach so, ich wollte Ihnen ja etwas von dem alten Schuhputzer erzählen. Zum ersten Mal begegnete ich ihm im Januar 1978, als ich bei einem Preisausschreiben eine 4-tägige Reise nach Las Palmas gewann. Bis dato wusste ich noch nicht einmal, wo die kanarischen Inseln liegen. Nachbarinseln von Mallorca, dachte ich, im Mittelmeer liegend. Dass sie fast auf halber Strecke nach Südamerika im Atlantik liegen, merkte ich erst nach dem 4½-stündigen Flug.

Gleich am ersten Tag besuchte ich den Hafen und trat aus Unachtsamkeit in eine Kiste, die völlig verdreckt war. Bei vier Tagen hat man halt nur ein paar Schuhe dabei. Dass es Winterschuhe waren, ärgerte mich sowieso, denn in Las Palmas hatte es 20 Grad Lufttemperatur. Guter Rat war teuer und als ich durch den Parque spazierte, sah ich ihn: Den Schuhputzer. Ein alter Mann, freilich nur aus damaliger Sicht. Schließlich war ich gerade 29 geworden. Heute würde ich den Mann auf Mitte 60 schätzen. Jedenfalls ging ich mit meinen verdreckten Schuhen sofort zu ihm ihn. Ich fragte nach dem Preis; schließlich ist man ja Schwabe. Er besah sich das Dilemma und nannte mir einen Preis um die drei Mark. Sofort willigte ich ein.

Ein wahres Feuerwerk prasselte über meine Schuhe herein und nach wenigen Minuten glänzten sie wie einst im Mai. Viel besser: Sie glänzten, wie seit dem Kauf nicht mehr, obwohl sie schon etliche Jahre auf dem Buckel hatten. Dazu muss ich etwas erklären. Ich habe meine Schuhe immer sehr lange getragen. Nicht (nur) aus Geiz, sondern vor Allem aus Bequemlichkeit. Neue Schuhe bereiten mir bis zu heutigen Tage qualvolle Schmerzen. Das liegt daran, dass ich 13 Jahre aktiv Fußball gespielt habe. In unteren Ligen, wo nicht die technische Raffinesse Trumpf war, sondern das rustikale Kämpfen. Und da ich meine Spielkunst ausschließlich meiner Schnelligkeit zu verdanken hatte, wurde ich besonders häufig das Opfer ziemlich rüder Attacken. Immerhin lief ich die 100 Meter zu meinen besten Zeiten in 11,4 Sekunden. Die Folge war, dass ich relativ früh mit dem Kicken aufhören musste, weil meine Füße ziemlich zerschunden waren. An Schifahren war nicht mehr zu denken; die Sprunggelenke waren schon in jungen Jahren schrottreif geballert.

Als ich dem guten Mann statt der drei Mark gleich verschwenderische fünf Mark gab, hätte er mir beinahe die frisch polierten Schuhe geküsst. Ich konnte nicht anders, der Mann war nicht nur ein Meister seines Fachs. Er war ein Künstler.

Seine weißen Haare flatterten im Wind des nahen Atlantiks. Seinen Schemel trug er genauso durch die Gegend, wie sein Behältnis für seine streng gehüteten Poliergeheimnisse. Er putzte ja nicht einfach so – er zelebrierte es. Und man merkte es ihm an: Er war stolz auf seine Kunst. Durfte er auch, befand ich.

Er trug ein –einstmals- hellblaues Polo und jene scheußlich kackbraune Hose, die die echten Canarios zu dieser Zeit alle trugen; wie eine Uniform. Ob jung, ob alt, alle in diesen hässlichen Hosen. Man konnte danach gehen: Nur Männer, die diese Hose trugen, waren Einheimische.

Der alte Mann, viele Jahre später erfuhr ich, dass er Edvaldo hieß, bedeutete mir, ich solle am nächsten Tag noch einmal zur Nachbehandlung kommen. Er sprach kein Deutsch, ich kein spanisch. Und dennoch wusste ich sofort, was er meinte. Naja, der möchte nochmal so ein fürstliches Trinkgeld kassieren, war mein erster Gedanke. Weit gefehlt: Als ich am nächsten Tag die Nachbehandlung meiner Schuhe erhielt, wies er eine weitere Bezahlung weit von sich; ich hätte das am Tag zuvor schon mit bezahlt, konnte ich seinem Gesten reichen Spanisch entnehmen.

Nicht nur deshalb habe ich mich ein bisschen in diese Insel verliebt damals. Es war vor allem das Klima. Wenn ich schon nicht mehr Schifahren kann, dann wenigstens Baden im Winter. Am nächsten Morgen fuhr ich mit einem Bus nach Puerto Rico und musste mir zuerst eine Badehose kaufen. Nie im Leben hätte ich 1978 gedacht, im Januar im Meer zu baden.

Der nächste Urlaub dauerte schon eine Woche und war mit Familie. Bei Kofferpacken wunderte sich meine Frau, warum ich alle Schuhe, die ich in Betrieb hatte, mitnahm. Playa del Inglés war unser Ziel, welches damals noch nicht das Ballermann Image von heute hatte. Und als wir einen Ausflug nach Las Palmas machten, hielt mich meine bessere Hälfte für total übergeschnappt, weil ich alle mitgebrachten Schuhe in meinen Rucksack packte und mitnahm.

Natürlich ging ich in den Parque de Santa Catalina, natürlich ging ich zu Edvaldo und ließ alle meine Schuhe putzen. Was passierte: Auch meine Gemahlin war von der Kunst des Mannes derart überzeugt, dass sie im Folgejahr auch den Großteil ihrer Schuhsammlung mit in den Parque nahm. Fast einen halben Tag war Edvaldo nur mit uns beschäftigt und unser Trinkgeld war jedes Mal fürstlich. Er hatte es sich verdient. Dennoch kam er immer mit diesem ausgewaschenen hellblauen Polo und dieser scheußlichen braunen Hose.

Aber: Mitte der 90-er Jahre verschwanden sie langsam, diese kackbraunen Dinger. Nur Edvaldo behielt seine Uniform an. Genau so wenig veränderte sich sein Schemel und seine Wunderkiste. Aber Edvaldo war älter geworden; die Preise höher, weil er nicht mehr so viele Schuhe am Tag schaffte. Und Anfang des neuen Jahrtausends war Edvaldo plötzlich weg. Von einem Jahr auf das Andere. War es 2002, war es 2005? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur, dass ich ihn seither schmerzlich vermisse. Genau so, wie meine Schuhe. Die vermissen ihn mindesten gleich stark, obwohl sie ihn gar nicht mehr erleben durften. Ein Engländer sagte mir einmal: „Er erweckt die Schuhe zum Leben.“

Was aus Edvaldo wurde, konnte ich nie in Erfahrung bringen. Vermutlich lebt er längst nicht mehr. Wie gerne würde ich ihn wieder im Parque Santa Catalina besuchen; und dafür sogar die hässliche braune Hose in Kauf nehmen.

Und jetzt bin ich Ihnen noch die Erklärung schuldig, wieso ich jetzt, nach knapp 20 Jahren darauf gestoßen bin? In meinem neuen Buch „Gold-Finger Ravensburg“ spielt, genauso wie im Nachfolgeroman „Der alte Mann und der Orca“, der Parque Santa Catalina eine wichtige Rolle.

Dank Leserin Lina M. aus R. und you tube gibt es einen Film des Schuhputzers.
Er ist es tatsächlich. Allerdings noch etwas jünger mit schwarzen Haaren, und
auch die Bekleidung war etwas anders. Bitte bei 0.27 ansehen, wer Interesse hat.

https://www.youtube.com/watch?v=CVTF0Z1LeGk

Kommentar!

Sehr geehrter Herr Herzog,
Ich stamme aus Neu-Isenburg und war für die Fluggesellschaft Condor von 1977-1994 auf dem Flughafen Las Palmas stationiert. Meine Frau und ich wohnen jetzt in Kressbronn und ich habe alle Ihre Krimis mit großem Interesse gelesen. Jetzt habe ich Ihre Kurzgeschichte „Der Schuhputzer von Santa Catalina“ auf Ihrer Homepage entdeckt. Und ich muss sagen, es hat mich sehr amüsiert.
Zuerst muss ich Ihnen allerdings sagen, dass der gute Mann nicht Edvaldo hieß, sondern Eduardo. Ist ja nicht schlimm, nur zur Info.
Vielleicht interessiert Sie das ja auch: Diese scheußlichen kackbraunen Hosen, wie Sie sie nennen, waren keine Modeerscheinung. Die Insel Gran Canaria war damals noch großer Exporteur von Bananen und Tomaten. Ein Staat war der Genossenschaft der Erzeuger über viele Monate die Rechnungen schuldig geblieben. Sie ließ ein Schiff dieses Staates (es war ein Nah-Oststaat) im Hafen beschlagnahmen. Als man dieses Schiff entlud, waren Hunderttausende dieser unifarbenen braunen Hosen drauf. Was blieb der Genossenschaft anderes übrig, als diese Hosen an die Bevölkerung Gran Canarias zu verkaufen. Jetzt wissen Sie, wie es zu dieser Sache kam.
Schreiben Sie weiter so interessante Krimis.
Mit freundlichem Gruß
Ihr Roland N

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